Es ist verlockend, Dinge zu erklären.
Erklärungen geben ein gutes Gefühl.
Sie klingen sauber.
Logisch.
Abgeschlossen.
„Das passiert, weil …“
Und plötzlich wirkt alles kontrollierbar.
Aber oft ist das nur ein schönes Märchen.
Erklären heißt:
Ich bastle mir eine Geschichte, die für mich Sinn ergibt.
Verstehen ist etwas anderes.
Verstehen passiert, wenn ich merke:
Meine Geschichte ist nur eine von vielen.
Wenn ich sehe, dass das, was ich „Realität“ nenne, eigentlich nur meine Perspektive ist.
Ein Beispiel:
Jemand kommt zu spät.
Erklärung:
„Unzuverlässig. Respektlos.“
Fertig.
Schublade zu.
Verstehen wäre:
Vielleicht hatte diese Person gute Gründe.
Vielleicht lebt sie in einer ganz anderen Welt als ich. Vielleicht ergibt ihr Verhalten dort total Sinn.
Erklären macht klein.
Verstehen macht weit.
Erklären beendet Neugier.
Verstehen öffnet sie.
Erklären sagt: „Ich weiß.“
Verstehen sagt: „Ich könnte falsch liegen.“
Und hier wird es interessant:
Je besser du im Erklären wirst,
desto überzeugender klingen deine Geschichten.
Und desto leichter vergisst du,
dass es nur Geschichten sind.
Verstehen verlangt etwas Unbequemes:
Unsicherheit auszuhalten.
Nicht sofort zu schließen.
Nicht sofort zu bewerten.
Sondern einen Moment länger zu bleiben.
Zu schauen.
Zu fragen.
Zu zweifeln.
