Niemand hatte es zuvor geschafft.
Doch im November 1911 zielten zwei Kontrahenten auf dasselbe Ziel: Den Südpol.
Der britische Kapitän Robert Falcon Scott und der „letzte Wikinger“ Roald Amundsen aus Norwegen forderten ihr Schicksal heraus.
Mit ihren Teams begannen sie ein Wettrennen um mehr als 1.500 Meilen.
Ein Wettrennen bei durchschnittlich -30 Grad.
Ein Team würde siegreich zurückkehren. Das andere gar nicht.
Beim Studieren der Aufzeichnungen würde man allerdings kaum auf die Idee kommen, dass die beiden Teams dieselbe Reise angetreten hatten.
An guten Tagen brachte Scott sein Team an die Grenze der Erschöpfung. An schlechten Tagen hockte er in seinem Zelt und brachte seine Beschwerden zu Papier.
In seinem Tagebuch notierte er: „Ich bezweifle, dass irgendjemand bei diesem Wetter vorankommen kann“.
Aber jemand konnte.
Es war ein Tag mit ähnlichem Schneesturm und Amundsen hielt in seinem Tagebuch fest: „Es war ein unangenehmer Tag: Sturm, Schneeverwehungen, Erfrierungen – und doch sind wir unserem Ziel um 13 Meilen näher gekommen“.
Am 12. Dezember 1911 kam es schließlich zum Höhepunkt der Reise.
Amundsen und sein Team kamen dem Südpol näher, als es je ein Mensch schaffte. Sie waren nun kurz davor, das Wettrennen ihres Lebens zu gewinnen.
Und als hätte es nicht besser laufen können, tat ihnen das Wetter einen Gefallen.
Amundsen schrieb: „Es läuft gut – und der Boden ist so gut wie nie. Das Wetter ist hervorragend – Ruhe und Sonnenschein.“
Dort, auf dem Plateau, hatten sie ideale Bedingungen, um sich mit Ski und Schlitten ihren Weg zum Südpol zu bahnen.
Mit etwas Anstrengung hätten sie den Weg an einem Tag schaffen können. Doch stattdessen brauchte es drei Tage.
Warum?
Amundsen bestand seit Beginn der Expedition darauf, 15 Meilen pro Tag zu schaffen.
Nicht mehr und nicht weniger.
Der Rest der Reise sollte keine Ausnahme sein. Sonnenschein oder Regen, Amundsen bestand darauf, dass die 15 Meilen nicht überschritten wurden.
Während Scott seinem Team nur Ruhe gönnte, wenn es sein musste, bestand Amundsen darauf, dass sich alle ausreichend erholten und ein stetiges Tempo einhielten.
Dieser Unterschied erklärt wahrscheinlich, warum Amundsen es als erster zum Südpol schaffte und Scotts Team nicht zurückkehrte.
Ein kontinuierliches, stetiges und „nachhaltiges“ Tempo erlaubte es Amundsen und seinem Team – so beschreibt es Roland Hunford mit seinem Buch 𝗧𝗵𝗲 𝗿𝗮𝗰𝗲 𝘁𝗼 𝘁𝗵𝗲 𝗦𝗼𝘂𝘁𝗵 𝗣𝗼𝗹𝗲 – ohne besondere Anstrengung an ihr Ziel zu gelangen.
Ohne besondere Anstrengungen?
Sie hatten geschafft, was bisher unmöglich schien.
Dank dieser einfachen Regel: 15 Meilen täglich. Nicht mehr. Nicht weniger.
Am 14. Dezember 1911 führte Amundsen sein Team als erste zum Ziel.
Das Beweisfoto schoss Scotts Team 34 Tage später.
